Sunday, April 9, 2017

Atomkraft? – Nein, danke!

Ein Beitrag von: Stefan Sontheim

Mehr als drei Jahrzehnte vor Fukushima und knapp acht Jahre vor Tschernobyl entschied das österreichische Volk über die Zukunft der Kernenergie in ihrem Heimatland. Mit einer knappen Mehrheit von 50,47 % wurde am 5. November 1978 in einem Volksentscheid die Inbetriebnahme des in der Nähe von Wien stehenden Atomkraftwerks Zwentendorf abgelehnt.

Es erhielt damit einen einzigartigen Status: Es ist das einzige der weltweit 442 Atomkraftwerke, das nie in Betrieb ging. Sechs weitere Jahre wurde das Atomkraftwerk Zwentendorf noch betriebsbereit gehalten, bis es dann im März 1985 endgültig liquidiert wurde. Etwa eine Milliarde Euro waren bis zu diesem Zeitpunkt investiert und damit verloren gegangen.

Atomkraftwerk

Die Frage war nun: Was macht man mit einem Atomkraftwerk, das nicht ans Netz gehen darf? Statt eines Abrisses entschied man sich für die weitere Nutzung als Ersatzteilspender für baugleiche Atomkraftwerke und als Schulungsort für Kraftwerkspersonal.

Seit Kurzem können auch Foto- und Filmteams gefahrlos die strahlungsfreie Industrieruine als Location nutzen. Ein zugegebenermaßen teures, aber auch einzigartiges Bauwerk von besonderem Charme und eigener „Schönheit“. Ende Dezember 2016 erhielt ich die Gelegenheit, mich dem ersten deutschen Fototeam anzuschließen, das mit etwas Glück eine Erlaubnis zum Fotografieren für das Atomkraftwerk Zwentendorf erhielt.

Waschbecken in einem Raum

Schleusentür

Doppelte Personenschleuse für den Eintritt in das Innere des Reaktorsicherheitsbehälters

An einem grauen Dezembertag machten wir uns auf den Weg in das Innere der strahlungsfreien Atomanlage. Unglaublich, das Gebäude hat 1.050 Räume und kein einziges Fenster! Leider hatten wir für die Besichtigung nur ein begrenztes Zeitkontingent von fünf Stunden. Damit wir uns nicht verlaufen, bekam ich zusammen mit einem Kollegen einen Führer zugeteilt. Er kennt die interessantesten Räume und ließ uns je Raum ausreichend Zeit für unsere Aufnahmen.

Es ist gespenstisch still in der Anlage. Man hört nur das Surren der Leuchtstoffröhren und gelegentlich das Zufallen einer Stahltür. Ich fühlte mich verloren im Inneren dieser gigantischen Anlage. In den ersten Räumen wirkte die Anlage fast so, als ob sie tatsächlich in Betrieb wäre. Alle Räume sind beleuchtet, die Kontrolllampen blinken, auf den Umkleideschränken der Personalräume stehen Schutzhelme, Arbeitskleidung hängt an den Bügeln über den Waschbecken.

Turbinen und Rohre

Die Kondensationskammer wäre im Betriebsfall mit 2.200 m³ de-ionisiertem Wasser gefüllt gewesen. Im Störfall wäre sie als Sicherheitssystem zur Ableitung und Kondensierung des Dampfes aus dem Reaktorbehälter vorgesehen gewesen.

Spätestens beim Betreten der Reaktorräume wird jedoch klar: Die Anlage liegt seit fast 40 Jahren im Dornröschenschlaf. Im Normalbetrieb wären die Reaktorräume aufgrund der Strahlenbelastung nicht betretbar. Ich lasse mit einem Seil Kamera und Stativ in das 20 Meter tiefe Flutbecken hinab und steige anschließend über eine Leiter selbst hinunter.

Am Boden des Flutbeckens habe ich direkten Blick auf den Reaktorkern; den Ort, an dem 484 hochradioaktive Brennstäbe ihren Dienst verrichtet hätten. Es ist ein banges und unbeschreibliches Gefühl. Im Normalfall hätte ich diese Aufnahmen niemals machen können.

Blick in einer Große Betonröhre

Im Reaktorkern findet die Kernspaltung statt. Beim Wechsel der Brennelemente wird das Betonbecken mit Wasser geflutet und der Reaktordeckel aufgeschraubt. Der Tausch der Brennelemente findet unter Wasser statt.

Fabrik mit Schild

Hier sind die Dampfturbinen zur Stromerzeugung untergebracht. Die geplante Nettoleistung der Turbinen beträgt 690 Megawatt.

Nach und nach tauchte ich weiter von Raum zu Raum in das Innere der Anlage ein. Der Kontrast der unbenutzten, wie neu wirkenden und blitzblank polierten Bauteile und der zugleich vollkommen veralteten Anlagentechnik faszinierten mich.

„Energie der Zukunft“ steht auf einem riesigen Schild in der Turbinenhalle. Heute, nicht einmal 40 Jahre später, müsste der Satz auf dem Schild geändert werden in: „Energie der Vergangenheit“.

Weitere Fotos des Projektes findet Ihr auf meiner Webseite.


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