Sunday, April 2, 2017

Eine Entscheidung gegen die Berufsfotografie

Ein Beitrag von: Erik Rulands

Ungefähr zwölf Jahre ist es jetzt her, dass ich das erste Mal eine Kamera in der Hand gehalten habe. Ich kann mich noch sehr genau daran erinnern: Meine Eltern haben mir zu meinem 14. Geburtstag eine Konica-Minolta-Digitalkamera geschenkt. Damals konnte ich noch nicht ahnen, wie sehr dieser Moment eigentlich mein Leben beeinflussen würde.

Heute, zwölf Jahre später, gibt es keinen Bereich in meinem Leben, der mich so einnimmt wie die Fotografie. Ich würde fast schon so weit gehen, dass die Fotografie mittlerweile zu einem Teil meiner Persönlichkeit geworden ist. Es geht einfach nicht mehr ohne. Nachdem ich mich durch einige Genres bewegt habe, bin ich seit etwa vier Jahren in der People-Fotografie hängengeblieben. 2013 kam dann die Anmeldung der Tätigkeit als Nebengewerbe hinzu. Ich arbeite seitdem selbstständig als Fotograf und Assistent und verdiene mir nebenbei damit ein nettes Taschengeld.

Klingt ja eigentlich total toll. Ich habe eine Leidenschaft gefunden und mich darin soweit entwickeln können, dass mich andere für meine Arbeit bezahlen. Ich stecke fast jede freie Minute in meine Fotografie und viel Geld in Equipment und Weiterbildung. Ganz viele Zeichen deuten mir an: Ich sollte mein Hobby zum Beruf machen.

MännerportraitEine Frau vor einem Hochhaus

Aber ich stehe gerade deswegen an einem großen Scheitelpunkt in meinem Leben. Ich habe bis vor zwei Jahren die Fotografie nie als etwas betrachtet, was ich im Hauptberuf ausüben könnte. Nach meinem Abitur habe ich eine kaufmännische Richtung eingeschlagen und zunächst eine Ausbildung absolviert, direkt danach ein BWL-Studium angeschlossen.

Ich habe nun noch ein halbes Jahr bis zu meinem Abschluss und alles sieht rosig aus. Auf dem Abschlusszeugnis werde ich fast an der Eins vor dem Komma kratzen und schreibe aktuell meine Bachelorarbeit zusammen mit einer Unternehmensberatung. Das ist natürlich auch eine hervorragende Berufsperspektive. Jetzt stehe ich hier mit 26 Jahren und muss eine Entscheidung für mein Leben treffen, glaube ich zumindest. Unheimlich viele Fragen gehen mir durch den Kopf:

Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich in ein paar Jahren – fest im Beruf stehend – doch noch in die Selbstständigkeit gehe? Aber möchte ich jetzt als frisch gebackener Bachelor und ohne nennenswertes Kapital dieses Risiko einer Selbstständigkeit eingehen? Müsste ich Jobs machen, mit denen ich mich eigentlich nicht identifizieren kann, nur um die Miete zu bezahlen und den Kühlschrank zu füllen? Würde ich mir den eigenen Spaß an der Fotografie vielleicht auch kaputt machen?

Fakt ist: Meine Steuererklärung bescheinigt mir, dass ich aktuell von der Fotografie noch nicht leben kann. Möglicherweise würde sich das ändern, wenn ich 100 % meiner Zeit damit verbringe. Mit einem Vollzeitstudium und auch immer wieder parallelen Nebenjobs im Büro ist die Zeit, um mit Fotos Geld zu verdienen natürlich begrenzt. Und auch die Möglichkeiten, mich weiterzuentwickeln und wirklich richtig „Business“ zu machen, halten sich in Grenzen.

Eine Frau in Unterwäsche und Socken am Tisch

Ich bin sicher, dass schon sehr viele Menschen vor dieser Entscheidung standen. Letztendlich kann sie einem niemand abnehmen und sie ist keineswegs einfach. Meinen kaufmännischen Weg weiterzugehen, hätte genauso viele Vor- und Nachteile wie jetzt den fotografischen Weg zu wählen. Ich habe mich – weil mich dieses Thema aktuell so sehr beschäftigt – auch mit vielen Leuten unterhalten und denke, tatsächlich für mich persönlich ein paar Antworten erhalten zu haben. Diese möchte ich hier mit Euch teilen, vielleicht helfen sie dem einen oder anderen ja ebenfalls weiter.

Also habe ich mich auch intensiv mit meiner Fotografie beschäftigt. Wenn ich in eine Selbstständigkeit gehe, dann müssen meine Fotos natürlich auch qualitativ so gut sein, dass sie meinen Lebensunterhalt finanzieren können. Und das muss auch nach außen so wahrgenommen werden. Also habe ich mir mein eigenes Portfolio angeschaut und auch andere Menschen aus meinem Umfeld gefragt, was sie darüber denken.

Das, was dabei herausgekommen ist, war durchaus überraschend für mich. Ich war eigentlich schon überzeugt davon, dass die objektive Qualität, die ich leisten kann, für die Berufsfotografie ausreicht. Herausgekommen ist, dass mir eine Linie in meiner Fotografie fehlt. Die Qualität der Fotos sei sehr gut, aber zu durchmischt. Und es ist natürlich ungünstig, wenn die Kundschaft eigentlich nicht so recht weiß, was sie bekommt. Ich habe festgestellt, dass ich noch nicht an dem Punkt bin, an dem ich sagen kann: Genau das bin ich und das möchte ich machen.

FrauenportraitEine Frau hält ihre Hände an ihr Gesicht

Insofern war der vorgelagerte Schritt für mich jetzt erst einmal, herauszufinden, was meine Fotografie ist. Und es kann gut sein, dass ich mich auch erst einmal noch eine Zeitlang ausprobieren muss. Ich muss ehrlich zu mir selbst sein. Ich werde meine Fashionfotos beispielsweise komplett absägen. Ich interessiere mich einfach zu wenig für Mode, besuche keine Fashionweeks und bin froh, wenn ich einigermaßen vernünftig gekleidet das Haus verlassen kann.

Dafür interessiere ich mich sehr für Menschen, für ihre Geschichten und meistens quatsche ich bei Shootings mehr mit den Leuten, als die reine Zeit, in der ich fotografiere. Insofern glaube ich, dass ich meinen Fokus auf die Portraitfotografie richten sollte und auch werde. Das bedeutet für mich natürlich, dass ich mit dem neuen Fokus und Ziel auch mehr oder weniger ein neues Portfolio aufbauen muss.

Ein schwerer Schritt, da in dem bisherigen Portfolio ebenfalls viel Herzblut, Zeit und Mühe stecken. Aber das muss es mir Wert sein. Und ich kann jedem empfehlen, sich regelmäßig von anderen Menschen Feedback geben zu lassen. Am besten von Leuten, die einem nicht unfassbar nah stehen. Sehr gute Freunde sagen natürlich, dass Du ganz toll bist in dem, was Du machst, weil sie Dich unterstützen möchten und häufig ja auch nicht vom Fach sind. Scheut Euch nicht, auch Menschen zu fragen, die in dem Bereich vielleicht ein Vorbild für Euch sind und selbst Erfolg haben mit dem, was sie machen. Viele freuen sich, jemandem einen Tipp geben zu können.

Ein Mann sitzt auf einer Treppe

Für mich war es letztendlich der kleine Arschtritt, den ich gebraucht habe. Ich bin mir bewusster darüber geworden, was ich möchte und was ich vielleicht auch lieber lassen sollte. Die letzten zwei, drei Jahre habe ich mehr oder minder so vor mich her fotografiert, ohne ein richtiges Ziel zu haben. Das ist aber verdammt wichtig, wenn man davon leben möchte. Nur ein Ziel, auf das man fleißig hinarbeitet, wird auch Erfolg bringen.

Deswegen habe ich mich zum jetzigen Zeitpunkt bewusst dagegen entschieden, hauptberuflich als Fotograf zu arbeiten. Mit Sicherheit könnte ich Geld verdienen und vielleicht auch davon leben. Aber es wäre ein Genickbruch, wenn ich dann einige Zeit später erst feststelle, dass das eigentlich überhaupt nicht zu mir passt. Ich kann mir die Berufsfotografie nur vorstellen, wenn ich zu 100 % dahinter stehe.

Erst seit zwei Jahren ist die Selbstständigkeit in der Fotografie zu einem großen Traum geworden. Zu groß war der Drang in der letzten Zeit, einfach alles hinzuschmeißen und eine Liebesbeziehung mit der Kamera einzugehen. Aber ich muss mir am heutigen Tag eingestehen, dass der Zeitpunkt dafür noch nicht reif ist, denn der Gedanke an sich benötigt auch die richtige Reife.

Es fühlt sich aber nicht wie ein Rückschlag für mich an. Ganz im Gegenteil fühle ich mich in der Idee der Selbstständigkeit noch mehr bestärkt. Bestärkt, mir neue Ziele zu setzen und mich mit Fleiß und Geduld soweit hinzuarbeiten, um dann vielleicht erst in zwei oder drei Jahren endlich den Schritt zu machen.

Eine Frau portraitiert mit harten SchattenFrauenportrait

Bis zu meinem Studienabschluss werde ich mich vor allem konzeptionell mit den Zielen, die ich mir jetzt gesteckt habe, beschäftigen. Mich mit den Fotos auseinandersetzen, die ich machen möchte. Bewusst Schranken aufbrechen und meine Einstellung verändern. Alles für die neue Richtung vorbereiten. Dazu gehört auch dieser Beitrag hier, denn all dies zu schreiben und mit der Öffentlichkeit zu teilen, setzt mir selbst auch schon einen gewissen Druck.

Ich hoffe, dass ich in ein bis zwei Jahren hier wieder einen Artikel schreiben darf, in dem ich dann auflöse, ob mein Plan funktioniert hat, welche Schwierigkeiten es auf diesem Weg gab und welche Lektionen ich dadurch lernen durfte.

Ich habe den allergrößten Respekt vor allen, die sich mit ihrer Leidenschaft selbstständig machen. Die Hürden in Deutschland sind dafür nicht ohne und die Attraktivität gering. Nur einige Stichworte: Steuern, Handwerkskammer, Krankenversicherung. Allen, die jetzt gerade einen Traum verwirklichen möchten, sage ich: Einfach machen! Aber seid realistisch und ehrlich zu Euch selbst.


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