Monday, May 22, 2017

Das Land des melancholischen Lichts

Ein Beitrag von: Gilberto Peréz Villacampa

In der letzten Zeit fotografiere ich nicht mehr so viel wie früher. Dafür verbringe ich mehr Zeit mit meinen Bildern. Ich gehe mein Portfolio durch und suche mir Bilder aus, von denen ich etwas erzählen kann oder die mir den Anlass geben, etwas zu erzählen.

Oft handelt es sich um Aufnahmen, die meinen Philosophengeist anregen und mich inspirieren, einen Gedanken loszuwerden. Ich praktiziere eine Art Entschleunigung, ich übe mich in Genügsamkeit, um das Erhaltene zu würdigen. Aus dieser Beschäftigung mit meinen Bildern heraus entstehen dreizeilige Texte.

Diese möchten immer dem Anspruch genügen, eine Kurzgeschichte in Miniatur zu erzählen oder einen Gedanken in drei Sätze zu strukturieren. Wenn es mir gelingt, so eine Kapsel zu fabrizieren, dann bin ich glücklich für einen ganzen Tag. Folgend möchte ich zehn „vertonte“ Porto- und Lissabonbilder vorstellen, die eines gemeinsam haben: Sie alle verraten meine Sehnsucht nach Portugal, dem Land des melancholischen Lichts im südeuropäischen Winter.

Menschen mit Regenschirm

Einst wollte ich meine Portugalbilder unter dem Titel „Guardachuvas“ (Portugiesisch: Regenschirm) präsentieren. Zwei Mal war ich in diesem Land, und jedes Mal wollte der Regen nicht aufhören. Nicht nur der Portwein und die Azulejos (Fliesen), auch der Stockschirm – am liebsten schwarz und mit nostalgisch gebogenem Holzgriff – sollte zu den landestypischen Dingen zählen.

Menschen mit Regenschirmen auf der Straße

Man sieht sie nicht, man kann sie nicht ansprechen, man spürt sie nur durch die Straßen Portugals vagabundieren. Die Saudade kann man nur mit Bedacht einkreisen, niemals festnageln oder definieren. Das portugiesische Wort bedeutet Traurigkeit, Nostalgie und Wehmut zugleich und lässt sich nur ungern auf andere Sprachen übertragen.

Ein Schirm in einem Hausflur

Durch eine enge wie steile Treppe gelangen wir in der Mittagszeit zur „Cantina das Freiras“. Da oben, über den verregneten Dächern des Chiados, erwartete uns die Wohltat des Normalen: Die Einrichtung war einfach und das Essen gut. Nicht ein exaltiertes Fado, sondern die stille Melancholie des Regenschirms eines Fremden erinnert mich bis heute an diese Wintertage in der Hauptstadt der Saudade.

Ansicht aus einem Bahnfenster

Die Brücke „25 de abril“ war in meiner Lissabonkarte als ein Muss eingekreist. Ein Unwetter apokalyptischen Ausmaßes zwang uns, im Bus sitzen zu bleiben und ohne Unterbrechung die Fahrt nach Belen fortzusetzen. Wäre nicht das Hundewetter gewesen, hätte ich gar kein Bild von der Brücke aufgenommen, denn Monumentales macht mich als Fotografen impotent.

Eine Frau auf der Straße neben einem Haus

Wir spanischsprachige Menschen nutzen die Gutmütigkeit der Portugies*innen aus und legen in ihrem Land auf unverstelltem Spanisch los, ohne uns irgendeinen Gedanken über den Unterschied unserer ähnlichen Sprachen zu machen. Und sie verstehen uns, sie nehmen uns unseren Hochmut nicht übel und sie scheinen dabei keine Komplexe oder Vorbehalte uns gegenüber zu hegen. Spanier*innen und Portugies*innen sind aus unterschiedlichen Hölzern geschnitzt, definitiv.

Ein Bahnfahrer

Wenn der Electrico 28 sich wie ein erschöpfter Esel durch die steilen Gassen von La Alfama kämpft, fühlen sich einige Fotograf*innen der Stadtfolklore ausgeliefert – man drückt auf den Auslöser, wohl wissend, dass man es später bereuen wird. Meine Postkartenmotive habe ich für das Familienalbum behalten, für mein Portfolio die Bilder, die ich im Inneren der legendären Straßenbahn aufgenommen habe. Die gelbe Tram trägt ihre Poesie eher im Bauch.

verregnete Terrasse

Ausgerechnet Portugal, das westlichste Land unseres Kontinents, ähnelt Osteuropa mancherorts. Als ich im Winter 2015 den „Mercado do Bolhão“ besuchte, fühlte ich mich in dieser Annahme bestätigt. Doch gerade diese schläfrige Leere im feuchten Grau summt insgeheim ein Lied von unsagbar schöner Melancholie.

Ein Mann kniet im Schaufenster

Der Herr im schwarzen Mantel querte nur zufällig die Szene, die ich fotografieren wollte. Später begriff ich, dass ich erst durch diese „Bildstörung“ viel mehr als nur einen hilflosen Schaufensterdekorateur mitnehmen konnte. Durch das ungebetene Passieren des Herren gelang es mir, das kurzseitige Aufkommen einer Frage im Gesicht des Bildprotagonisten abzubilden.

Frauenportrait

In einer Bar der Alfama habe ich diese Dame gesehen, gelobt und fotografiert. Nach der Aufnahme holte sie aus ihrer Brieftasche den Schnipsel eines alten, durch das ständige Bei-sich-Tragen abgenutzten Fotos heraus. Da sah ich die Frau, die sie einmal war.

So wie die alte Frau das Foto aus ihren jungen Jahren bei sich im Portemonnaie aufbewahrt, kultiviert Portugal die Reliquien seiner glorreichen Vergangenheit mit großer Sorgfalt. Im Land von Vasco da Gama fühlt man sich auf Schritt und Tritt an die Zeit der Entdeckungen erinnert. Schau mal, das waren wir! – scheinen Fresken und Azulejos, Metrostationen und Bahnhöfe, Brücken und Einkaufszentren den Fremden sagen zu wollen.


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