Tuesday, May 16, 2017

Unposed – Posinghilfen für Paarfotos

Seit ich im Jahr 2011 begonnen habe, Hochzeiten zu fotografieren, haben sich viele Trends innerhalb der Branche verändert. Es gibt aber ein paar Ankerpunkte, die heute noch genauso aktuell sind wie vor sechs Jahren und früher.

Zum Beispiel die Tatsache, dass die meisten Hochzeitsfotograf*innen ständig nach authentischen und ungestellten Situationen suchen, weil die Stimmung einer Feier und einer Gesellschaft in nichts so gut festgehalten werden kann wie in solchen Momentaufnahmen.

Während man bei einer Trauung oder der anschließenden Feier noch relativ einfach und unbemerkt aus dem Hintergrund genau diese Bilder schießen kann, gestalten sich so ehrliche Aufnahmen bei den Paarfotos schon wesentlich schwieriger. Es liegt nun einmal in der Natur der Situation, dass sich die Paare auf die Fotograf*innen konzentrieren, diese nur schwer ausblenden können und auf Anweisungen warten.

Schwarzweißbild eines Paaren mit einer schwangeren Frau.

Wer nach Hilfe sucht, findet im Internet zahlreiche Diskussionen und Tipps, die oft leider nur wage Informationen bieten wie „Halte das Paar in Bewegung“ oder „Das Paar soll sich unterhalten oder miteinander flirten“. In der Theorie ist das genau der Weg, der zu authentischeren Aufnahmen des Paares führt, in der Praxis ist diese Information für mich aber leider viel zu abstrakt.

Die wenigsten meiner Paare standen überhaupt schon einmal in ihrem Leben vor eine*r professionellen Fotograf*in und die meisten sind angesichts ihres Hochzeitstages außergewöhnlich nervös. Die Situation wird in meinem speziellen Fall durch den Umstand zusätzlich erschwert, dass ich ein sehr ruhiger Mensch bin, der vor Fremden nicht unbedingt stark aus sich heraus geht. Mir fehlt also schlicht und ergreifend das Verständnis dafür, welche Anweisungen und Situationen dazu führen können, viel Bewegung oder ein ehrliches Lachen aus meinen Paaren zu kitzeln.

Schwarzweissbild eines sich umarmenden Paares in Bewegung.

Ein sich umarmendes, lachendes Paar bei Sonnenuntergang an einem Strand.

Bei meiner unendlichen Recherche zu diesem Thema bin ich irgendwann auf den „Unposed Field Guide“ gestoßen. Ein Set aus Karten, die Vorschläge für Spiele, Situationen und Konversationen enthalten, die durch ein solches Fotoshooting führen sollen, mit dem Ziel, am Ende möglichst authentische Aufnahmen zu erhalten.

Das Wort „unposed“ – also „ungestellt“ – hatte es mir angetan. Ich fühlte mich irgendwie verstanden und hoffte, in diesem Kartenset meinen persönlichen Heiligen Gral zu finden. Hier über diese 32 Karten im Format 13×18 cm zu schreiben, ohne Inhalte preiszugeben, ist nicht unbedingt einfach, also versuche ich, den Sinn der Karten eher zu umschreiben. Jede der Karten enthält auf der einen Seite einen Text mit der Aufgabe bzw. dem Spiel und auf der anderen ein Beispielbild, wie das entsprechende Ergebnis aussehen könnte.

Ein Bild von eine Stapel Karten, auf deren oberster Karte groß das Wort "Unposed" steht.

In meinem persönlichen Repertoire befanden sich genau zwei „Spiele“, die ich mit meinen Paaren machte: Das eine bestand darin, dass sich beide vorzugsweise auf eine Treppe setzen und so tun, als wären sie zwei Jugendliche, die sich gerade verliebt haben und versuchen, zusammen etwas Zweisamkeit während einer Schulpause zu genießen.

In der zweiten Aufgabe sollte der Bräutigam der Braut (oder umgekehrt) ins Ohr flüstern, warum er denn Ja gesagt hatte. Falls ihm dazu nichts einfällt, soll er doch einfach seinen Wunsch für das nächste Abendessen flüstern. Dieser letzte Satz, der einen kurzen Moment der Auflockerung schafft, führt absolut immer zu einem Lacher bei meinen Paaren, der mir schon das erste authentische Foto beschert.

Ein Paar, das bei Sonnenuntergang auf einem Stein sitzt und lacht.

Ein paar bei Sonnenuntergang, das lacht.

Genau auf solche Momente setzen viele der Karten im Unposed-Set. Es werden sich Dinge zugeflüstert oder mir werden Dinge erzählt, die nicht unbedingt zu ernst genommen werden sollen. So entstehen Momente des Neckens und des miteinander Flirtens.

Andere Karten konzentrieren sich auf das Thema Bewegung, das für mich oft am schwersten zu forcieren ist. Hier schlagen die Unposed-Karten konkrete Anweisungen vor, die immer noch genug Raum für die Individualität der Paare lassen. Wieder andere Karten sollen dabei helfen, ruhige und nahe Bilder zu schießen, in denen das Paar sich mit einem „Denkt doch mal an…“ fallen lassen und die Kamera vergessen soll.

Ein paar dass sich schwungvoll umarmt bei Sonnenuntergang an einem Strand.

Diese kleinen Aufgaben und Spiele an sich bieten oft noch nicht wirklich eine Gelegenheit für tolle Fotos, denn jemand, der gerade etwas sagt oder überlegt, sieht selten fotogen aus. Es sind auch hier die Moment dazwischen, das Lachen und der Moment, in dem das Paar seine Aufgabe hört, über die Kreativität des Fotografen schmunzelt und sich einen „Okay, das schaffen wir“-Blick zuwirft.

Leider wird genau dieser Punkt in den Unposed-Karten nicht so klar herausgestellt. Oft werden die Fotograf*innen ihre Kameras in den wichtigen Momenten noch nicht bereit haben oder schon wieder zur Seite gelegt haben. Eigentlich wäre die Sensibilisierung für den richtigen Moment des Fotografierens genauso wichtig gewesen viel die zahlreichen Spiele und Aufgaben.

Diesen Tipp, der eigentlich immer angewendet werden kann, bekommt Ihr hier deshalb kostenlos: Fotografiert immer auch die Momente, in denen man es eigentlich nicht erwarten würde und habt die Kamera auch in dem Moment bereit, in dem Ihr mit dem Paar redet oder von einem Ort zum anderen geht. Schießt so viele Bilder wie es geht, denn dann verpasst Ihr keine Perlen.

Ein paar dass sich umarmt und dabei lacht.

Ein Paar, dass sich eng umarmt, während die Frau die Augen geschlossen hat.

Alles andere als kostenlos ist leider der Unposed Filed Guide an sich. Mit umgerechnet etwa 140 € wird man eine stolze Summe los, bei der man für sich selbst entscheiden muss, ob es einem das wert ist. Die Karten wurden von Josh and Meg erstellt, die selbst Hochzeiten fotografieren und Workshops geben. Im Zuge dieser Workshops hat sich herausgestellt, dass genau diese Informationen und Anweisungen, die jetzt auf den Unposed-Karten stehen, das interessanteste Thema für die Teilnehmenden war.

Ein bisschen wie einen Workshop sollte man die Karten auch sehen, denn es geht vor allem darum, etwas Neues zu lernen und inspiriert zu werden. Wer genau so große Probleme hat, ungestellte Bilder von seinen Paaren zu machen, wie ich damals, investiert sein oder ihr Geld hier auf keinen Fall falsch. Ich greife mittlerweile bei jeder Hochzeit auf die Ideen und Inspirationen der Karten zurück und die hier gezeigten Fotos der Paare entstanden durch genau diese Tipps.

Ein Paar, dass sich eng umarmt und die Augen geschlossen hat.

Zusammen mit den Karten erhält man auch Zugang zu einer geschlossenen Facebook-Gruppe, in der die Mitglieder ständig neue Ideen veröffentlichen und über das Thema „authentische und ehrliche Paarfotos“ diskutieren.

Bei Interesse könnt Ihr Euch den Unposed Field Guide auf der dazugehörigen Webseite bestellen.


kwerfeldein – Magazin für Fotografie http://ift.tt/2pV5RaN

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