Monday, July 29, 2019

Reise in die DDR-Vergangenheit meiner Mutter

Ein Beitrag von: Marie Kreibich

Meine Mutter war ein aufgewecktes Kind, das in der ostdeutschen Kleinstadt Pirna aufwuchs und gern durch die malerische Landschaft und Natur der Sächsischen Schweiz streifte. Für sie reichte dieser kleine Fleck Erde damals völlig aus. Mit 18 Jahren verliebte sie sich in meinen Vater und zwei Jahre später heirateten sie.

Doch im Gegensatz zu ihr wollte er die Welt sehen und sich von niemandem etwas vorschreiben lassen. Sie wusste, er würde die DDR verlassen, ob mit ihr oder ohne sie. Im Februar 1989 stellten sie ihren ersten Ausreiseantrag. Nachdem sie die offizielle Ablehnung erhielten, beschlossen sie, ihr Glück selbst in die Hand zu nehmen. Mit dem Zug ging es nach Budapest.

Von dort fuhren sie per Anhalter durch zahlreiche kleine ungarische Dörfer bis nach Nagycenk, dem letzten Ort vor der ungarisch-österreichischen Grenze. Hier versteckten sie sich über mehrere Stunden in einem Gebüsch. Schwarz vermummt, im Rucksack einen Seitenschneider, mit dem sie in den nächsten Stunden mehrere Stacheldrähte durchtrennen sollten.

FrauenportraitHochhaus

Bei Einsetzen der Dämmerung brachen sie schließlich auf. Ohne Kompass oder Landkarte. Ausschließlich die ungefähre Richtung vor Augen – jugendlicher Leichtsinn, würde meine Mutter heute sagen. Bei Gewitter und strömendem Regen durchquerten sie Waldstücke, Weinberge und robbten durch schlammige Erde, die ihnen gleichzeitig Schutz vor patrouillierenden Grenzsoldat*innen bot.

Nach siebenstündiger Flucht erreichten sie, durchnässt und erleichtert, die österreichische Ortschaft Deutschkreutz, die sich nah am Rande des Grenzgebietes befand. Sie waren in dieser Nacht die 25. und 26. geflüchteten Personen, die Deutschkreutz erreichten.

Sie wurden herzlich empfangen und für einige Tage von einer Familie aufgenommen. Meine Mutter bestaunte den hellen Ort mit seinen freundlichen, sorglosen Bewohner*innen und das breite Warenangebot des Spar-Supermarktes. Drei Tage später fuhren sie nach Wien in die Botschaft der Bundesrepublik Deutschland, anschließend kamen sie im Flüchtlingsauffanglager in Schöppingen unter.

Lichtschein auf der Straße

Als meine Mutter und ich uns im Mai 2018, fast 30 Jahre nach der Flucht, frühmorgens mit dem Auto auf den Weg in den Osten machen, sind wir beide aufgeregt und angespannt. Wir möchten in ihre Vergangenheit reisen und wissen nicht, was uns in den nächsten Tagen erwarten wird. Vor uns liegen insgesamt 2.500 km und wir haben nur eine Woche Zeit, um die Orte ihrer Kindheit, Jugend und der Flucht wiederzufinden.

Auf der Fahrt in den Osten Deutschlands halten wir am ehemaligen Grenzübergang bei Eisenach. Ein Ort, der für meine Mutter bis heute die ehemalige Trennung Deutschlands in Ost und West symbolisiert. Eine fast unüberwindbare Grenze inmitten dieser wunderschönen Landschaft. Heute unvorstellbar.

In Pirna und Goßdorf in der Sächsischen Schweiz kehren wir an die Orte ihrer Kindheit und Jugend zurück. Wir finden hier so vieles und doch so wenig, das an die vergangene Zeit in der DDR erinnert. In Ungarn und Österreich begeben wir uns auf die Suche nach den Orten der Flucht. Wir fahren auch nach Deutschkreutz, einem kleinen Dorf im Burgenland, das sich unmittelbar an der Grenze zu Ungarn befindet. Für meine Eltern bedeutete der Ort damals die langersehnte Freiheit.

Aufgeschlagenes Buch

Vieles hat sich in all den Jahren verändert. Vieles ist nicht mehr so, wie es in der Erinnerung meiner Mutter existierte. Und doch werden wir fündig. In den kleinen ungarischen Dörfern, durch die meine Eltern trampten, um der Grenze möglichst unbemerkt näher zu kommen. In dunklen Waldstücken, in denen sie sich versteckten. Auf Bahngleisen, die sie mitten in der Nacht kreuzten. Zwischen Weinstöcken, durch die sie vom Gewitter völlig durchnässt rannten.

Während der Reise beschreibt sie ihre Gedanken und Gefühle in Form eines Tagebuchs. Ich dokumentiere unsere Reise fotografisch. Aus der entstandenen Fotoserie, den Textausschnitten des Tagebuchs und persönlichen Dokumenten entsteht das Buch „Rübermachen“.

Die Idee, die Flucht meiner Eltern aus der DDR auf meine Weise zu verarbeiten, trage ich schon lange mit mir herum. Der Osten Deutschlands übte, seit ich denken kann, seine ganz eigene Faszination auf mich aus. Wenn ich als Kind mit meinen Eltern alljährlich über den ehemaligen Grenzübergang in Eisenach fuhr, um meine Großeltern in Pirna zu besuchen, überkam mich immer eine ganz besondere Stimmung: Eine Mischung aus kindlicher Aufregung und einem wohligen Heimatgefühl.

Trabant in der DämmerungFrau auf einem Balkon in der Dämmerung

Je älter ich wurde, desto mehr verschwand dieses Empfinden. Doch die große Affinität zur ehemaligen Heimat meiner Eltern blieb bestehen. Ich interessierte mich schon immer für die ehemalige Deutsche Demokratische Republik und das Leben, das meine Eltern dort führten.

Vor ein paar Jahren zeigte mir meine Mutter zum ersten Mal den Fluchtbrief, den sie kurz nach dem Ankommen in der BRD 1989 an ihre Familie schrieb. In ihm erklärt sie detailliert, wie die Flucht verlaufen ist. Er bildete auch die Inspiration und Grundlage für unsere gemeinsame Reise in die Vergangenheit.

Als ich meiner Mutter Ende 2017 von der Idee erzählte, ihre damalige Fluchtroute abzufahren, war sie gleich begeistert. Wenn sich die Gelegenheit bot, war sie zwar hin und wieder in Pirna gewesen, doch Ungarn und Österreich hatte sie das letzte Mal tatsächlich vor 30 Jahren gesehen. Nach dem Entkommen aus ihrer ehemaligen Heimat hatte sie die Orte ihrer Flucht also nie wieder besucht.

Zeitungsartikel

Mir wurde bewusst, dass diese Reise auch für mich eine einmalige Möglichkeit sein würde, dem Erlebten meiner Eltern ganz nah sein zu können. Die Aussicht darauf, Ereignisse aus einer längst vergangenen, heute unvorstellbaren Zeit, wieder ein Stück weit in Erinnerung rufen zu können, motivierte mich. Auch für meine Mutter sollte es eine Gelegenheit sein, sich vor Ort noch einmal an ihre eigene Geschichte zu erinnern, die Menschen wiederzutreffen, die ihnen damals geholfen hatten und das Erlebte zu verarbeiten.

Das Buch zur Reise entstand im Rahmen meiner Bachelorarbeit meines Kommunikationsdesignstudiums an der Hochschule Düsseldorf.


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